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Fahrgastrechte - wie war das früher?
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Thorsten Klein
2018-11-13 22:00:51 UTC
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Hallo

Die Fahrgastrechte sind ja eine moderne Erfindung. Und ich bin ein Kind
der 80er, daher habe ich nicht mehr allzuviele Erinnerungen in die 60er
und 70er Jahre. Damals wurden ja viele Nebenbahnen mit etwa 3 Zügen pro
Tag bedient und Anschlüsse waren eher Zufall. Wenn jetzt das Ziel einer
Reise auf so einer Nebenbahn lag und dieser Anschluss wegen Verspätung
nicht erreicht wurde, und der nächste wäre erst in 4-6h oder gar erst am
nähsten Morgen - wie wurde das geregelt?

In Rumänien habe ich es mal erlebt, wie ein Regionalzug auf so einer
3-Züge-Strecke in der Nacht ca. 45min auf einen verspäteten
Anschluss-Nachtzug gewartet hatte. In Deutschland kann ich mir dies aber
auch vor 50 Jahren nicht vorstellen.

Gruss,
Thorsten
e***@gmail.com
2018-11-14 11:41:40 UTC
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Post by Thorsten Klein
Hallo
Die Fahrgastrechte sind ja eine moderne Erfindung. Und ich bin ein Kind
der 80er, daher habe ich nicht mehr allzuviele Erinnerungen in die 60er
und 70er Jahre. Damals wurden ja viele Nebenbahnen mit etwa 3 Zügen pro
Tag bedient und Anschlüsse waren eher Zufall. Wenn jetzt das Ziel einer
Reise auf so einer Nebenbahn lag und dieser Anschluss wegen Verspätung
nicht erreicht wurde, und der nächste wäre erst in 4-6h oder gar erst am
nähsten Morgen - wie wurde das geregelt?
In Rumänien habe ich es mal erlebt, wie ein Regionalzug auf so einer
3-Züge-Strecke in der Nacht ca. 45min auf einen verspäteten
Anschluss-Nachtzug gewartet hatte. In Deutschland kann ich mir dies aber
auch vor 50 Jahren nicht vorstellen.
Gruss,
Thorsten
So viel ich weiß, waren die Fahrgastrechte etwa ähnlich, wie noch jetzt in der Schweiz, die nicht zur EU gehört.
Haftung, nur sofern man den letzten Anschluß des Tages verpasst. Bei anderen Verbindungen kann der Reisende kostenlos zurückfahren oder einen Umweg zum Ziel fahren, erhält aber keinen Schadenersatz

Art 21 Personenbeförderungsgesetz der Schweiz
https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20061345/index.html#a21
Till Kinstler
2018-11-14 13:07:24 UTC
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Post by e***@gmail.com
Post by Thorsten Klein
Hallo
Die Fahrgastrechte sind ja eine moderne Erfindung. Und ich bin ein Kind
der 80er, daher habe ich nicht mehr allzuviele Erinnerungen in die 60er
und 70er Jahre. Damals wurden ja viele Nebenbahnen mit etwa 3 Zügen pro
Tag bedient und Anschlüsse waren eher Zufall. Wenn jetzt das Ziel einer
Reise auf so einer Nebenbahn lag und dieser Anschluss wegen Verspätung
nicht erreicht wurde, und der nächste wäre erst in 4-6h oder gar erst am
nähsten Morgen - wie wurde das geregelt?
In Rumänien habe ich es mal erlebt, wie ein Regionalzug auf so einer
3-Züge-Strecke in der Nacht ca. 45min auf einen verspäteten
Anschluss-Nachtzug gewartet hatte. In Deutschland kann ich mir dies aber
auch vor 50 Jahren nicht vorstellen.
Gruss,
Thorsten
So viel ich weiß, waren die Fahrgastrechte etwa ähnlich, wie noch jetzt in der Schweiz, die nicht zur EU gehört.
In Deutschland galt "damals" §17 des DPT ("Deutscher
Eisenbahn-Personen-, Gepäck-, und Expreßguttarif") hier:
https://web.archive.org/web/20080518023041/http://dpt.bahntarif.de:80/1/IIa.html
(dürfte die letzte Fassung des DPT sein, zumindest die letzte, die ich
bei kurzer Recherche noch "damals" im Web veröffentlicht finde).
Dieser §17 war dabei die "Implementierung" dessen, was die EVO
(Eisenbahnverkehrsordnung) in ihrer damaligen Form vorgab.
Ob "dmals" mehr oder länger gewartet wurde, kann ich nicht beurteilen.

Grüße,
Till
Olaf Titz
2018-11-14 19:11:12 UTC
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Post by Till Kinstler
https://web.archive.org/web/20080518023041/http://dpt.bahntarif.de:80/1/IIa.html
Oha. Das wusste ich noch nicht bzw. hätte es in den 90ern wissen müssen:

§13, ABest. 6:

Findet ein Reisender mit Fahrschein 1. Klasse in dieser Klasse keinen
Sitzplatz und kann ihm ein solcher auch nicht angewiesen werden, so
kann er gegen Erstattung des Preisunterschiedes in der 2. Klasse
fahren oder die Fahrt gegen Erstattung des Fahrpreises für die nicht
durchfahrene Strecke aufgeben. Findet ein Reisender mit Fahrschein 2.
Klasse in dieser Klasse keinen Sitzplatz, so kann er die Fahrt gegen
Erstattung des Fahrpreises abbrechen. Für die Geltendmachung der
Ansprüche auf Fahrpreiserstattung gilt § 18 (7) EVO.

i.a.W. es gab sowas wie einen Anspruch auf einen Sitzplatz.

Kundenfreundlich auch das hier:

§9, ABest. 14:

Bei Versäumen der Abfahrt auf Bahnhöfen mit Aufsichtsbeamtem kann die
Geltungsdauer der Fahrscheine für Entfernungen über 100 km, wenn sie
unverzüglich vorgelegt werden, durch den Aufsichtsbeamten
erforderlichenfalls um 1 Tag verlängert werden. Dies gilt auch für
die viertägige Geltungsdauer für die Hin- oder Rückfahrt bei
Fahrscheinen nach ABest 12 b), 2. Anstrich. Bei Benutzung eines Zuges
mit höheren Fahrpreisen hat der Reisende den Unterschiedsbetrag
nachzuzahlen; bei Benutzung eines Zuges mit niedrigeren Fahrpreisen
kann er den Unterschiedsbetrag binnen der in § 18 (7) EVO
vorgesehenen Frist zurückverlangen.

und Zusatzbestimmung der DB zu §9, ABest. 10:

Fahrscheine für Hin- und Rückfahrt (Rückfahrscheine aller Art) können
zur Rückfahrt auf einem dem Abgangs- oder Zielbahnhof nahegelegenen
Bahnhof einer anderen Strecke umgeschrieben werden. Ist die
Tarifentfernung der neuen Strecke größer als die der ursprünglichen
Strecke, so wird für den Entfernungsunterschied ein Umwegfahrschein
zum einfachen gewöhnlichen Fahrpreis ausgegeben, sofern die
Tarifteile II nichts anderes bestimmen. Die Umschreibung ist auf dem
ursprünglichen oder neuen Abgangsbahnhof der Rückfahrt, dem neuen
Zielbahnhof der Rückfahrt oder einem vorgelegenen Bahnhof zu
beantragen.
Sind die zuständigen Bahnhöfe unbesetzt oder zeitweise unbesetzt, so
werden die Fahrscheine vom Zugbegleitpersonal umgeschrieben.
Auch die amtlichen Auskunftsstellen schreiben Fahrscheine innerhalb
der festgesetzten Dienststunden um.


Olaf
--
***@inka.de <URL:http://sites.inka.de/~bigred/>

The day Microsoft makes something that doesn't suck is probably the day they
start making vacuum cleaners. - Ernst Jan Plugge
Till Kinstler
2018-11-15 08:17:38 UTC
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Post by Olaf Titz
Post by Till Kinstler
https://web.archive.org/web/20080518023041/http://dpt.bahntarif.de:80/1/IIa.html
Findet ein Reisender mit Fahrschein 1. Klasse in dieser Klasse keinen
Sitzplatz und kann ihm ein solcher auch nicht angewiesen werden, so
kann er gegen Erstattung des Preisunterschiedes in der 2. Klasse
fahren oder die Fahrt gegen Erstattung des Fahrpreises für die nicht
durchfahrene Strecke aufgeben. Findet ein Reisender mit Fahrschein 2.
Klasse in dieser Klasse keinen Sitzplatz, so kann er die Fahrt gegen
Erstattung des Fahrpreises abbrechen. Für die Geltendmachung der
Ansprüche auf Fahrpreiserstattung gilt § 18 (7) EVO.
i.a.W. es gab sowas wie einen Anspruch auf einen Sitzplatz.
Hmm, nein, es gab einen Anspruch auf Abbruch der Reise und
Rückerstattung des Fahrpreises, wenn kein Sitzplatz frei war. Bedeutete
aber, dass man auch nicht an sein Ziel kam, zumindest nicht mit dem Zug.

Grüße,
Till
U***@web.de
2018-11-15 13:32:22 UTC
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Post by Till Kinstler
Post by Olaf Titz
Post by Till Kinstler
https://web.archive.org/web/20080518023041/http://dpt.bahntarif.de:80/1/IIa.html
Findet ein Reisender mit Fahrschein 1. Klasse in dieser Klasse keinen
Sitzplatz und kann ihm ein solcher auch nicht angewiesen werden, so
kann er gegen Erstattung des Preisunterschiedes in der 2. Klasse
fahren oder die Fahrt gegen Erstattung des Fahrpreises für die nicht
durchfahrene Strecke aufgeben. Findet ein Reisender mit Fahrschein 2.
Klasse in dieser Klasse keinen Sitzplatz, so kann er die Fahrt gegen
Erstattung des Fahrpreises abbrechen. Für die Geltendmachung der
Ansprüche auf Fahrpreiserstattung gilt § 18 (7) EVO.
i.a.W. es gab sowas wie einen Anspruch auf einen Sitzplatz.
Hmm, nein, es gab einen Anspruch auf Abbruch der Reise und
Rückerstattung des Fahrpreises, wenn kein Sitzplatz frei war. Bedeutete
aber, dass man auch nicht an sein Ziel kam, zumindest nicht mit dem Zug.
Inzwischen ist man hierzustaat selbst von der
Ersatzgestellung eines erstklassigen Sitzplatzes für Schwangere
abgekommen, den ich zu DPT-Zeiten einmal durchgesetzt hatte.

Nennt sich dann Familienförderung.
Olaf Titz
2018-11-21 22:13:24 UTC
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Post by Till Kinstler
Hmm, nein, es gab einen Anspruch auf Abbruch der Reise und
Rückerstattung des Fahrpreises, wenn kein Sitzplatz frei war.
Es ist immerhin ein Rechtsanspruch, der wirksam wird, wenn der Zug
überfüllt ist. So etwas gibt es heute nicht mehr.
Post by Till Kinstler
Bedeutete
aber, dass man auch nicht an sein Ziel kam, zumindest nicht mit dem Zug.
Ich hatte damals mehrere Fälle, in denen mir die angenehmere
Alternative gewesen wäre, kostenneutral zur Freundin zurückzufahren,
es am nächsten Tag noch mal zu versuchen und dann halt ein paar
Lehrveranstaltungen zu verpassen, statt mehrere Stunden im erheblich
überfüllten[1] Zug eingequetscht zu stehen. Beim heutigen Stand der
"Fahrgastrechte" kann man nur das Ticket verfallen lassen.

Olaf

[1] Vermutlich eigentlich ein Fall für die Räumung durch die Polizei,
aber dann hätte sich die DB ja irgendwie um die hunderte Gestrandeten
kümmern müssen. Richtig, Hunderte; statt einem ICE1 kam eine bereits
seit Hamburg zu erheblich mehr als 100% belegte ICE2-Hälfte in Hannover
an und die Fahrgastmenge am Bahnsteig hätte gereicht, diesen komplett
von leer auf voll zu bringen. Letzte Verbindung des Tages nach
Frankfurt. Das war der krasseste, aber nicht der einzige Fall.[2]

[2] In einem anderen Fall, als der Anschlusszug erheblich verspätet
und daher die Weiterfahrt tatsächlich unmöglich war, wurde ich am
gleichen Ort ohne jede Umstände ins nächste Hotel geschickt. Bin nicht
sicher, ob das heute auch noch geht.
--
***@inka.de <URL:http://sites.inka.de/~bigred/>
Habers Gesetz: Jemand, der seinem Gegenüber unterstellt, er würde für das
Unternehmen arbeiten, für das er eintritt, hat keine Argumente mehr und
verloren.
U***@web.de
2018-11-14 13:04:10 UTC
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Post by Thorsten Klein
Die Fahrgastrechte sind ja eine moderne Erfindung. Und ich bin ein Kind
der 80er, daher habe ich nicht mehr allzuviele Erinnerungen in die 60er
und 70er Jahre. Damals wurden ja viele Nebenbahnen mit etwa 3 Zügen pro
Tag bedient und Anschlüsse waren eher Zufall. Wenn jetzt das Ziel einer
Reise auf so einer Nebenbahn lag und dieser Anschluss wegen Verspätung
nicht erreicht wurde, und der nächste wäre erst in 4-6h oder gar erst am
nähsten Morgen - wie wurde das geregelt?
Teils durch Übernahme der Übernachtungskosten.

Ich kannte es auch noch so, daß Anschlußbrüche
vom Bahnbus zum Zug enthalten waren.

Man finde (nichttrivial) und lese die Ausführungsbestimmungen
(ABest) der weiland Bundesbahn.
Olaf Titz
2018-11-14 19:15:09 UTC
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Post by Thorsten Klein
Die Fahrgastrechte sind ja eine moderne Erfindung.
Nur die sehr eingeschränkte Vorstellung von "Bargeld lacht", die heute
unter diesem Begriff verstanden wird. Davor galt: die Bahn hat alles
zu unternehmen, den Fahrgast möglichst schnell und reibungslos weiter
zu befördern. Und das war durchaus auch rechtlich geregelt.
Post by Thorsten Klein
Tag bedient und Anschlüsse waren eher Zufall. Wenn jetzt das Ziel einer
Reise auf so einer Nebenbahn lag und dieser Anschluss wegen Verspätung
nicht erreicht wurde, und der nächste wäre erst in 4-6h oder gar erst am
nähsten Morgen - wie wurde das geregelt?
Wenn der nächste erst am nächsten Morgen war, wurde man mit einem
Gutschein ins nächste Hotel geschickt. Das ist mir selber auch
passiert (allerdings mit Ziel an einer Hauptbahn).

Olaf
--
***@inka.de <URL:http://sites.inka.de/~bigred/>

Merke: Selbst der kluegste Klempner greift nur so tief ins Klo, wie ihm
der Arm reicht. - Besim Karadeniz in de.comm.internet.misc
Michael Kümmling
2018-11-14 22:05:37 UTC
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Post by Olaf Titz
Post by Thorsten Klein
Die Fahrgastrechte sind ja eine moderne Erfindung.
Nur die sehr eingeschränkte Vorstellung von "Bargeld lacht", die heute
unter diesem Begriff verstanden wird. Davor galt: die Bahn hat alles
zu unternehmen, den Fahrgast möglichst schnell und reibungslos weiter
zu befördern. Und das war durchaus auch rechtlich geregelt.
Post by Thorsten Klein
Tag bedient und Anschlüsse waren eher Zufall. Wenn jetzt das Ziel einer
Reise auf so einer Nebenbahn lag und dieser Anschluss wegen Verspätung
nicht erreicht wurde, und der nächste wäre erst in 4-6h oder gar erst am
nähsten Morgen - wie wurde das geregelt?
Wenn der nächste erst am nächsten Morgen war, wurde man mit einem
Gutschein ins nächste Hotel geschickt. Das ist mir selber auch
passiert (allerdings mit Ziel an einer Hauptbahn).
Wobei man nach EVO und Tarif darauf keinen Anspruch hatte ("Die
Eisenbahn kann zulassen, daß...").


Viele Grüße
Micha
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